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Wieviel kostet eine Biene?  (Archiv) 
Archiviert: 17.07.2008
Die gute Nachricht zuerst: Artensterben und Artenschutz fanden in jüngster Zeit ein starkes mediales Echo.


"Der Spiegel" widmete in einer seiner Ausgaben diesem Thema eine Titelgeschichte, und auch andere Wochenmagazine und Tageszeitungen berichteten teils recht ausführlich über den Artenschwund und die dringend gewordenen Maßnahmen zur Rettung der Vielfalt des Lebens. Anlass dieser publizistischen Aktivitäten war eine Weltkonferenz in Bonn, bei der Vertreter von über 190 Staaten den Naturschutz neu verhandeln sollten.

Doch nun die schlechte Nachricht: Für unzählige Arten – ihre Zahl geht in die Hunderttausende, Genaueres weiß niemand – kommt jede Hilfe zu spät. Schätzungen zufolge verschwinden täglich auf Erden etwa siebzig Arten, und zwar schon seit vielen Jahren. Der Grund dafür ist die großflächige Zerstörung von Lebensräumen durch Industrie und Landwirtschaft.

Warnende Stimmen

Bereits 1995 erschien ein Buch mit dem Titel "Die sechste Auslöschung", verfasst von dem Anthropologen Richard Leakey und dem Biochemiker und Sachbuchautor Roger Lewin. Die beiden Autoren vergleichen darin das vom Menschen bewirkte Artensterben mit den fünf großen erdgeschichtlichen Katastrophen der letzten 500 Jahrmillionen. Die bekannteste davon ist jene vor 65 Millionen Jahren, als die Saurier hinweggerafft wurden. Ebenfalls 1995 kam die deutsche Ausgabe eines Buches über den Wert der Vielfalt auf den Markt. Der Autor des Bandes, der renommierte Insektenforscher und Soziobiologe Edward O. Wilson, behandelt darin die Bedrohung des Artenreichtums und deren Auswirkungen auf den Menschen. Seit dem Erscheinen dieser beiden Bücher, in nur dreizehn Jahren also, dürften über 300.000 Arten ausgestorben (ausgerottet worden) sein!

Das Sterben der Arten unter dem Einfluss des Menschen ist also seit langem bekannt – auch die Konferenz in Bonn war ja nicht die erste ihrer Art –, allerdings ist bisher nichts, oder jedenfalls viel zu wenig unternommen worden, um diesen Prozess zu stoppen. Die Hauptursachen des dramatischen Artensterbens im 20. und am Beginn des 21. Jahrhunderts liegen in der Zerstörung von Lebensräumen, insbesondere der Rodung von tropischen Regenwäldern, die die artenreichsten zusammenhängenden Biotope auf der Erde bilden. Andere Ursachen sind Überjagung und Überfischung sowie das Einschleppen fremder Arten in Ökosysteme.

Dazu ein Beispiel. Um 1958 wurden auf der Insel Pinta im Galapagos-Archipel ein Ziegenbock und zwei Geißen ausgesetzt. Schon 15 Jahre später war die Ziegenpopulation – die dort keine natürlichen Feinde hatte – auf 30.000 Tiere angewachsen, welche den ursprünglichen Regenwald vernichteten und die Insel in eine öde Graslandschaft verwandelten. Der Mensch wirkte hier sozusagen durch Zweitursachen. Vielleicht aber hatten die von ihm, absichtlich oder nicht, irgendwo angesiedelten Spezies in der historischen Gesamtbilanz keine wesentlich geringeren katastrophalen Auswirkungen auf Ökosysteme als seine direkten Einflüsse durch systematische Zerstörung von Lebensräumen. So oder so, der Mensch schaltet und waltet in der Natur mit großer Sorglosigkeit und hat sich selbst zu einer gewaltigen Naturkatastrophe entwickelt.

Jahrzehnte lang stieß das Artensterben trotz mancher warnender Stimmen auf wenig öffentliches Interesse. Artenschutz galt als eine Angelegenheit von ein paar Naturromantikern, die von der Politik und von der Wirtschaft bestenfalls belächelt wurden.

Warum sollte das jetzt anders werden? Aufgrund einer simplen Idee: Man rechnet den Wert von Pflanzen, Tieren und ganzen Lebensräumen in Marktpreise um. Der Ökotourismus bietet sich hierzu als anschauliches Beispiel an. So dürfte die Reisebranche etwa mit Touristen, die gerne Wale aus nächster Nähe beobachten wollen ("Whale-Watching") und über das entsprechende Kleingeld für Reisen dorthin verfügen, mehr als eine Milliarde Dollar jährlich verdienen. Die Rechnung sollte also im Sinne der Reiseveranstalter aufgehen. Würde es keine Wale mehr geben, wäre auch der Gewinn beim Teufel. Schließlich kann man Tiere dieser Körpergröße und Gewichtsklasse nicht in Aquarien züchten; daher sind sie in ihrem natürlichen Lebensraum zu bewahren und zu schützen.

Weitblickende Naturschützer wissen freilich längst, dass der Wert der Biodiversität, also der Vielfalt der Arten und Lebensräume, dem Homo oeconomicus nur dann zugänglich ist, wenn er auch ihren konkreten Nutzen einsieht. Natur muss also etwas kosten, denn was nichts kostet, ist bekanntlich nichts wert. Man denke zum Beispiel an pflanzliche Heilmittel, die weltweit einen jährlichen Marktwert von über 40 Milliarden Dollar haben. Die Pharmaindustrie hat längst begriffen, welche Geschäfte sich mit bestimmten Pflanzenarten machen lassen, und wird daher bereit sein, ihren Beitrag zum Schutz solcher Arten zu leisten. Und Landwirten ist sicherlich zu vermitteln, dass Bienen einige Milliarden Dollar pro Jahr wert sind, weil sie wichtige Nutzpflanzen bestäuben. Der Marktwert dieser emsigen Kerbtiere geht also weit über den des Honigs hinaus und ist nicht nur für Bienenzüchter von Interesse.

Die Frage lautet also nicht: was ist Natur an sich wert?, sondern: welchen Wert hat sie für uns? Mit dem naiven Glauben, dass jede Art ihre Daseinsberechtigung habe und wir Menschen verpflichtet seien, die Natur zu schützen, lassen sich keine Geschäfte machen. Es besteht also Hoffnung für die (noch) existierenden Arten, sofern wir rechtzeitig ihren Nutzen für uns einsehen.

Eine Bildungsaufgabe

Die Sache hat freilich einen Haken. Wenn sich der Marktwert von Walen, Bienen, Heilkräutern und manch anderer Arten berechnen lässt, dann heißt das noch lange nicht, dass dieser ökonomische Ansatz auf alle Spezies anwendbar ist. Was wäre denn etwa der Marktwert des afrikanischen Dickschwanzschläfers, eines Vertreters der Säugetierfamilie Bilche? Und wie ließe sich der Preis für den marinen Igelwurm Sactosoma vitreum berechnen?

Von den derzeit bekannten, etwas weniger als zwei Millionen Organismenarten (die tatsächliche Anzahl lebender Arten wird auf fünf bis zehn Millionen geschätzt) sind uns die meisten völlig fremd. Nun gut, es gibt Spezialisten für Ameisen, Schnecken, Milben, Orchideen, Gräser und andere Tier- und Pflanzengruppen, denen die Objekte ihrer Forscherleidenschaft bestens bekannt sind. Doch ist es absurd zu glauben, dass sich der Wert jeder einzelnen Art in Dollar oder Euro beziffern ließe. Bei manchen Arten ist der ökonomische Nutzen auch unwichtig, weil wir sie aus emotionalen Gründen für schützenswert erachten. Der Große Panda etwa erregt unsere Sympathie durch sein ansprechendes Aussehen. Da kann der Grottenolm nicht mithalten.

Nicht zu vergessen sind schließlich die vielen Arten von Krankheitserregern, die wir in unserem eigenen Interesse keineswegs schützen sollen. In diesen Fällen könnte man höchstens gewissermaßen einen negativen Marktwert errechnen: Was kostet die medizinische Behandlung von Menschen, die diesen meist (sehr) kleinen Bestien zum Opfer fallen? Hierzu müssen wir gar nicht nach exotischen Beispielen suchen, sondern brauchen nur an die bekannten Zecken zu denken.

Artenschutz mag sich ökonomisch ganz gut motivieren lassen, ist aber letztlich als Bildungsaufgabe in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Die großflächige Zerstörung von Lebensräumen bewirkt nämlich auch eine Verdünnung der Vielfalt menschlicher Populationen. Auch darüber müsste einmal ernsthaft diskutiert werden. Der ungehemmte Vormarsch der Industriezivilisation bis in die hintersten Winkel unseres Planeten führt dazu, dass auch Völker und Kulturen dahinschwinden. Ich habe schon in meinem 2003 erschienenen Buch "Ausgerottet – ausgestorben" darüber berichtet. Mit der Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen entziehen wir der Existenz vieler Gesellschaften das Fundament, womit übrigens auch das Aussterben von Sprachen einhergeht. Viele von ihnen werden nur noch von zwei oder drei Menschen aktiv gesprochen. Linguisten stehen praktisch vor dem gleichen Problem wie Biologen. Wenn sie nicht schleunigst den noch vorhandenen Sprachschatz erfassen, werden wertvolle Informationen für immer verloren sein. Die Schaffung von Monokulturen – im umfassenden Sinn des Wortes – stellt für unseren Planeten und damit für unsere Zukunft die größte Bedrohung dar. Wir sind seit Jahrzehnten unterwegs zu einem biologischen und kulturellen "Wärmetod". Der Prozess der "Globalisierung" zerstört natürliche und kulturelle Vielfalt und beraubt uns der Möglichkeiten zur Fortentwicklung.

Notwendige Vielfalt

Es bedarf keiner Kosten-Nutzen-Rechnung, um einzusehen: Evolution im biologischen wie im kulturellen Bereich ist nur auf der Grundlage von Vielfalt möglich. Ein Einheitsbrei enthält kein Potential für die Entwicklung von Neuem. Eine der großen Paradoxien – um nicht zu sagen: Perversitäten – unserer Zeit ist es, dass allerorten Veränderungen und Reformen eingemahnt werden, während gleichzeitig das "Rohmaterial" für solch möglichen Wandel, die Vielfalt der Natur und Kultur, systematisch zerstört wird.

Das neue ambitionierte Projekt "Encyclopedia of Life", das für jeden im Internet zugänglich ist, soll alle derzeit bekannten Organismenarten erfassen. Eile ist angesagt, weil ja in rasendem Tempo weltweit Arten aussterben. Ganz zu schweigen von all den Spezies, die noch auf ihre Entdeckung warten; viele von ihnen allerdings vergeblich, weil sie verschwunden sein werden, bevor ein aufmerksamer Naturbeobachter sie entdecken konnte.

Wahrscheinlich wird die Berechnung des Marktwertes vieler Arten zur Sensibilisierung für den Naturschutz beitragen. Das ist gut so. Es ist aber eine Schande für unsere Zivilisation, dass ihr jene natürliche Neugier abhanden gekommen ist, die darin besteht, einfach wissen zu wollen, was es alles gibt auf Erden.

Franz M. Wuketits, geboren 1955, lehrt an der Universität Wien Wissenschaftstheorie mit dem Schwerpunkt Biowissenschaften und ist Autor zahlreicher Bücher.

Franz M. Wuketits, 17.06.2008

Thema: Bienesterben

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